Herrin der Ringe

_DSC3169Im Atelier von Meister Silber entstand ein neues Objekt, das die konventionelle Formensprache auflöst.

In einem unauffälligen Gebäude in Zürich Enge wird ein rares Handwerk praktiziert. Gearbeitet wird mit Sachverstand, Kreativität und Muskelkraft – und gegen den Zeitgeist: den Trend nämlich, der vorgibt, dass die uns umgebenden Gegenstände austauschbar sein sollen, günstig und in grossen Mengen verfügbar. Die Silberschmiedinnen und -schmiede arbeiten mit hohen Ansprüchen. Ihr Ziel ist die Schaffung von Nachhaltigkeit, Wertigkeit und Exklusivität. Allerdings wurde das Handwerk selten. So unterhält Meister Silber noch das einzige Silberschmiedeatelier in der Stadt Zürich. Das ist aber umso wichtiger, um das Knowhow der Silberschmiedekunst in der Firma zu behalten und dem hohen Serviceanspruch der Meister-Betriebe zu genügen. Um dieses Wissen auch weiterzugeben und in Zukunft zu sichern, bildet Meister Silber in ihrem Atelier Lehrlinge aus.

Nach Afrika in die Enge

Auch Anna Furrer Glarbo stand vor einigen Jahren zum ersten Mal in dieser Werkstatt und trat zur Schnupperlehre bei Atelierchef Werner Schlattinger an. «Ich kannte zu Beginn den Unterschied zwischen einer Gold- und Silberschmiedelehre nicht. Aber mir wurde ziemlich schnell klar, dass ich bei den Silberschmieden richtig bin.» Nach der Schnupperlehre als Silberschmiedin folgten ein paar Tage, an denen Furrer Glarbo noch den Goldschmiedeberuf kennenlernte. Doch die Meinung war gemacht. Allerdings konnte die Lehre bei Meister Silber erst zwei Jahre später begonnen werden, da zuerst der damalige Lehrling die Ausbildung erfolgreich abschliessen musste. Um die Zeit zu überbrücken, absolvierte Anna den gestalterischen Vorkurs. Danach reiste sie nach Afrika. In Kamerun erlernte sie die landestypischen Handwerke wie Töpfern, Flechten und Trommelschnitzen. «Mir war schon früh klar, dass ich mit den Händen arbeiten will. Kamerun war eine wundervolle Erfahrung.» Dann fand sich Anna Furrer Glarbo wieder in der Werkstatt in Zürich Enge zum Lehrstart ein. «Rasch beeindruckten mich die Beschaffenheit des Edelmetalls und die Erkenntnis, wie viele Möglichkeiten zu seiner Bearbeitung bestehen.» Die Lehre dauerte vier Jahre. Danach zog die junge Frau nach Dänemark. Sie arbeitete bei der renommierten Silbermanufaktur Georg Jensen und nahm ein Studium für Design am Institut für Edelmetalle in Kopenhagen in Angriff.

Die Entstehung der Ringschale

Die Idee war schon während ihrer Abschlussarbeit am Institut für Edelmetalle gereift. Dort hatte sie sich intensiv mit Draht und möglichen Maschenstrukturen auseinandergesetzt, mit deren Hilfe sich die Wucht und Dominanz grossflächiger Silberobjekte brechen lässt. Diese Technik wird nun in Form von Silberringen angewendet, die beim neusten Objekt der «Meister 1881 Collection» zur Anwendung kommt. «Es war mir sehr wichtig, der grossflächigen Schale den raumfüllenden Charakter zu nehmen. Die neue, leichte und transparente Herstellungsart verleiht dem Inhalt und der Umgebung mehr Gewicht». Als wahre Sisyphusarbeit erwiesen sich die vielen tausend Lötstellen der Schale zur Verbindung der Ringe. Deren Grösse folgt dabei dem Fluss des Verdichtens getriebener Silberschalen. Treiben, dies bedeutet, eine flache Silberplatte im kalten Zustand durch Hämmern in eine gewünschte Form zu bringen. Die am Schalenboden eingesetzten kleinen Ringe stehen also für das getriebene, verbreiterte Silber. Die zum Schalenrand hin grösser werdenden Ringe wiederum symbolisieren das verdichtete, gestauchte Material. Das Ergebnis ist ein grossflächiges Objekt, das sich nicht aufdrängt, sondern wunderbar in den Kontext einfügt. Anna Furrer Glarbo lässt die Faszination des Materials auch neben ihrer Tätigkeit bei Meister Silber nicht los. Sie unterrichtet Gestaltung an der Kunstschule Zug. Im Kurszentrum Ballenberg bietet sie für Handwerksinteressierte ausserdem den Kurs «Buntmetall überall» an.

Die Fertigung: ein vielstufiger Prozess

Am Anfang war der Entwurf. Anna Furrer Glarbo unternahm mit verschiedenen Ringgrössen und Verbindungstechniken Versuche.

K1600__DSC2849 2Sie skizzierte Formen, die für die Umsetzung der Schale «Bubbles Nest» in Frage kamen, und verfertigte diese erst aus oxidierten Kupferringen. Alsdann folgten die Zeichnung einer neuen Form aus Sterlingsilberringen für die grössere Schale «Bubbles» sowie das Modellieren eines Tonmodells als Vorlage. Darauf stellte die Silberschmiedin die einzelnen Silberringe her. Dazu zog sie Draht in die richtige Dicke. Ihn formte sie dann zu Federn. Diese wiederum wurden aufgesägt und zu Ringen gebogen. Es folgten das Löten und Säubern der Ringe, dann das Schleifen. Anhand der Zeichnung und Mustervorlagen verlötete Furrer Glarbo die Ringe zu Teilstücken. Später wurden sie alle zusammengesetzt. Mit einem Gummihammer formte sie die Schale erneut, die derweil auf einer Holzunterlage ruhte. Dann wurden noch die Lötstellen gesäubert, es wurde das fertige Objekt mit Bürsten geschliffen und abschliessend alles «gekratzt».

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Werdegang einer Silberschale

Liebe LeserInnen,

ich bin im 3. Ausbildungsjahr zur Silberschmiedin und freue mich, Ihnen die Arbeiten in unserem Silber Atelier  näher zu bringen.

In dem vorgestellten Projekt geht es um ein Unikat, welches für eine Kundin speziell angefertigt wurde. Die nach alter Schmiedekunst gefertigte Schale, gelang über mehrere Skizzen und Modelle und durch enge Absprache mit der Auftraggeberin zur Vollendung.

Dabei durfte ich einen Grossteil dieser Arbeiten ausführen, mit den Techniken die ich während meiner bisherigen Lehrzeit gelernt habe. Silberobjekte nach alter Handwerkskunst herzustellen ist für mich besonders reizvoll und lehrreich. Ich freue mich schon jetzt, über jede weitere Arbeit die ich für unsere Kunden ausführen darf.

IMG_0876Die Metamorphose zur eindrucksvollen Silberschale fängt bei einer flachen Rondelle aus 925 Sterlingsilber an. Die Rondelle weist einen Durchmesser von 360 mm, eine Stärke von 1.0 mm und ein Gewicht von 1060 Gramm auf.

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Die Bearbeitung beginnt mit einem kreisrunden Anschlag. Dabei verwendet man den Aufziehhammer und als Unterlage ein hartes Stück Holz. Nun wird mit dem Hammer auf die Rondelle geschlagen, so dass sich eine Kante bildet.  Dieser erste Arbeitsschritt dient, nebst dem auf der Skizze festgelegten Durchmesser zu folgen, auch der Stabilität.

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Anschliessend schlägt man von innen nach aussen Falten in das Silberblech. Dabei benutzt man als Unterlage ein speziell gekerbtes Holz.

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Die zuvor geschlagenen Falten werden nun wieder ausgebügelt d.h. mit Muskelkraft und unzähligen Hammerschlägen ineinander verschmiedet, getrieben und gestaucht. Dabei will man das Blech nach oben bringen, also langsam aufstellen und in die dreidimensionale Form treiben.

Die richtige Technik spielt dabei eine grosse Rolle. Wendet man dabei die falsche Technik an, dann können sich Risse im Metall bilden, das Blech kann zu dünn werden oder eine unregelmässige Materialstärke aufweisen, wenn man nicht im richtigen Winkel auf das Stück schlägt. Es kann auch körperlich sehr anstrengend werden mit der falschen Technik.

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Nach einer Umformung von 50-60% wird das Metall so hart, dass eine weitere manuelle Bearbeitung nicht mehr möglich ist. Das Metall muss also wieder weicher gemacht werden. Dazu wird es bei ca. 600°C geglüht und im kalten Wasser abgeschreckt. So baut das Metall die Härte ab und kann weiter bearbeitet werden.

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Diesen Prozess nennt man Rekristallisation und er wiederholt sich während der Bearbeitung 6-8 mal. So wird nach und nach das Stück in seine Form gebracht.

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Um die richtige Schalentiefe zu erreichen, wird der Boden in einer Holz- oder Bleiform ausgetieft.

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Nun wird planiert, d.h. die Schale wird auf eine passende Eisenform gehalten und mit einem flachen Hammer geglättet. Man hämmert die Schale mit einem regelmässig verteilten Schlag ab, so wird sie eben und nimmt beinahe ihre perfekte, geometrische Form an.

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Und so sieht die schon fast symmetrische Schale aus, bevor sie dem Drücker übergeben wird.

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Hier sieht man wie der Drücker die passende Form drechselt.

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Sobald die Form der Schale entspricht wird die Silberschale über das Drückfutter gedrückt.

Dabei stülpt man die aufgezogene Schale über das Drückfutter und spannt sie von einer Seite. Anschliessend kann der Drücker, mit dem dazu passenden Drückstahl, vom Boden der Schale aufwärts das Blech an die Form drücken.

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Nun werden die Verzierungen der Schale angefertigt. Auch hier ist viel Muskelkraft gefragt, wenn die dicken Ringe aus massivem Silber gebogen werden.

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Anschliessend werden sie verlötet und bis zur Montage auf Hochglanz gebracht.

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Die Silberschale soll auf dekorativen Füsschen zum Stehen kommen. Um zu sehen, welche am besten zur Schale passen, wird aus Holz ein Modell gefertigt. Hat man die passende Form gefunden, wird das Modell im Sand abgegossen.

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Dazu verwenden wir 925 Sterlingsilber, welches in einem Feuerfesten Tiegel eingeschmolzen wird.

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Das Silber schmilzt bei ca. 780° Celsius. Der Augenblick, bei dem das feste Metall in den flüssigen Zustand übergeht ist dabei der schönste Moment!

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Innerhalb von Sekunden wechselt es wieder in den festen Zustand.

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Und zum Schluss darf man das gegossene Stück auspacken, fast wie ein Geschenk. Man weiss nie was einen erwartet, ob es gelungen ist oder nicht. Hier ist es nochmals gut gegangen.

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Da alle Teile angefertigt sind, können Sie montiert, verlötet und die Lötstellen versäubert werden.

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Nun wird das Stück überprüft und poliert.

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Spätestens jetzt sieht man, dass sich die aufwendige Arbeit gelohnt hat. Man bestaunt die schöne Schale, freut sich an den gelungen Details und eine grosse Zufriedenheit stellt sich ein.